Der Reimkultur-Blog

In loser Folge nehmen wir hier Stellung zu Themen, die uns beschäftigen.

 
27. Mai 2021

Aufatmen

Zur aktuellen Lage bei Reimkultur

 

Wir können aufatmen. Oder zumindest mehr als einmal Luft schnappen,  also so einen richtigen guten Zug Luft über Wasser nehmen. Tief durchatmen. Denn unser Antrag auf Überbrückungshilfe 3 wurde gewährt. Zwar wurden auch unsere Anträge auf „Ü-Hilfe“ 1 und 2 durchgewunken, doch während das eher Tropfen auf heiße Steine waren, ist dieser Antrag wirklich substantiell und existentiell. Er verändert unsere finanzielle wie auch unsere mentale und emotionale Situation in mehrerlei Hinsicht zum Guten!

In meinem letzten Blogeintrag vom 10. März hatte ich von meiner Prognose berichtet, noch dieses ganze Jahr und bis ins Frühjahr 2022 ohne nennenswerte Einnahmen aus Konzerten durchhalten zu müssen. Diese Prognose bewahrheitet sich immer mehr. Gerade erst wieder haben sich mehrere Verbände aus der Veranstaltungsbranche mit der Bitte an die Regierung gewandt, eine Perspektive für Konzerte und andere Veranstaltungen im Herbst zu geben, denn die fehlt noch vollständig. Wir selbst verlegen die ersten Konzerte aus dem Herbst in das Jahr 2022 und für alle Termine, die noch kommen könnten, gibt es bereits Optionen für Verschiebungen ins Folgejahr. Und wenngleich wir tatsächlich ein paar Open-Air-Termine für Bodo akquirieren konnten: 2021 wird ohne wesentliche Live-Einkünfte bleiben.

Und trotzdem Aufatmen? Ja! Denn offensichtlich hat sich unsere Branche, vor allem vermutlich durch die Bewegung #AlarmstufeRot, die Demonstrationen, die Forderungen an die Politik und den Dialog mit den Verantwortlichen, mit ihren Bedürfnissen Gehör verschaffen können. Während wir an unserem Antrag für die Überbrückungshilfe 3 arbeiteten, wurden die Regularien mehrfach überarbeitet und zwar vor allem im Sinne der Veranstaltungswirtschaft.

So sind inzwischen die Fixkosten in Monaten, in denen der Umsatz um 70% oder mehr sank, nicht mehr zu 90, sondern zu 100% förderfähig. Es gibt einen Fixkostenzuschlag und zusätzlich zu Kosten für Hygiene- und diesbezügliche Umbaumaßnahmen können noch Kosten für Maßnahmen zur Digitalisierung und für Marketing gefördert werden, um zukunftsfähig zu sein. Diese Maßnahmen machen einen hilfreichen zusätzlichen Geldsegen aus.

Anerkennung

Doch darüber hinaus hat die Regierung anerkannt, dass unserer Branche hohe Verluste entstanden sind, indem Investitionen und Vorleistungen aus dem Jahr 2019, in dem die Touren der Jahre 2020 und 21 organisiert wurden, nicht amortisiert werden konnten. Diese Kosten können nun als Ausfallkosten geltend gemacht werden. Außerdem gibt es eine sogenannte Anschubhilfe in Anerkennung der Tatsache, dass auch jetzt wieder für neue Konzerte Mittel eingesetzt werden müssen, die sich erst in ein bis zwei Jahren auszahlen werden. Diese beiden Fördermöglichkeiten haben die Summe in unserem Antrag verdoppelt!

Die Maßnahmen sind nicht nur aus finanzieller Hinsicht gute Neuigkeiten für uns, sie haben auch mental viel verändert. Denn anstatt dass uns immer nur – wenn überhaupt – akute Hilfen für Fixkosten erreichten, werden wir nun für tatsächlich entstandene Ausfälle zumindest ein Stück weit entschädigt. Das ist nicht nur eine Anerkennung unserer Situation – und gesehen zu werden tut bekanntlich immer gut – sondern es ist auch eine reale Möglichkeit, diese Mittel wie gewohnt sinnvoll investieren zu können, sie in Zukunftsprojekte und damit die Zukunft von Bodos Kunst und dieser Firma anlegen zu können. Denn genau für solche Projekte sind eigentlich die Rücklagen gedacht gewesen, die wir aber im letzten Jahr für das „nackte Überleben“ der Firma ausgeben mussten.

Mittlerweile ist eine vorläufige Gewährung der Überbrückungshilfe inklusive eines Abschlags von 50% bei uns eingegangen. Die Gewährung ist also vorbehaltlich, aber wir sind sehr zuversichtlich, dass uns auch der Rest zugestanden wird!

Prognose & Stolpersteine

Meiner aktuellen Prognose nach werden wir nun obendrein endlich wieder länger durchhalten als es vermutlich dauern wird, bis wir wieder auf Tour sein können, nämlich bis in den April 2022. Dabei sind noch einige Faktoren mitgedacht, die sich als Stolpersteine entpuppen könnten (wie Verluste durch nur unzureichend verkaufte Konzerte, die wir aber trotzdem spielen müssen) und einige wiederum nicht, die sich aber noch einlösen können (aktuell gibt es z.B. schon den diskutierten Vorschlag des Arbeitsministeriums, die Förderungen im Kurzarbeitsgeld zu verlängern und auch nach einer Überbrückungshilfe 4 ist bereits gefragt worden). Die Situation kann also von da aus eigentlich nur noch besser werden, zumindest wenn wir optimistisch auf den Pandemieverlauf schauen!

Was uns auf dem Weg dahin noch begegnen wird, ist natürlich unklar. Welche Auflagen für Konzerte wird es geben und können wir sie erfüllen? Können wir auch die noch nicht so gut verkauften Konzerte auf einen Stand bringen, zu dem sich der Auftritt finanziell lohnt? Steht unsere Crew noch zur Verfügung oder mussten sich unsere Techniker in der Zwischenzeit alle andere Jobs suchen, um durchzukommen? Denn sie sind in der Mehrheit jene Solo-Selbständigen, die noch immer kaum Berücksichtigung finden.

Konzertkarten kaufen

Manches davon könnt Ihr, unsere Fans und Begleiter:innen, bewegen z.B. indem Ihr Karten für angekündigte Konzerte kauft, auch wenn noch nicht ganz klar ist, ob sie wirklich zu diesem Zeitpunkt stattfinden können. Das ist tatsächlich eine Bitte von uns, und wäre die größte Hilfe, die wir von Euch jetzt bekommen können. Denn es ist beklemmend, in ein Jahr voller Konzerte zu schauen, für die seit wiederum über einem Jahr keine Karten mehr gekauft worden sind. Seid gewiss: die Situation wird sich verbessern und wir werden alles dafür tun, dass Auftritte stattfinden können. Gerade gestern haben wir ein Open-Air-Konzert mit Bodo und der Band in Mühlheim final für Juni zugesagt!

Spenden & Solidarität

Anderes aber müsst Ihr nicht mehr tun, und das ist Spenden. Wir haben in den letzten Monaten Eure Solidarität so sehr gebraucht und dann auch dankend angenommen, Ihr habt uns über weite Durststrecken getragen und werdet mit Eurem Geld noch so manches Projekt ermöglichen, das in den kommenden Monaten auf uns wartet. Bodo wird davon in einer eigens dafür in Vorbereitung befindlichen Veranstaltung berichten. Insgesamt sind über die verschiedenen Spendenkanäle seit August 2020 über 110.000 € bei uns eingegangen, mit denen wir Gehälter und Projekte, Fixkosten und kleine Investitionen, die Crew hinter unserem Büro und diverse Anliegen von anderen Künstler:innen solidarisch finanziert haben. Dazu kommen die Einnahmen aus den PriWARTKonzertEn, die wir ihrer Höhe nach auch zu einem guten Teil als Spenden und Hilfen verstehen. Das alles war großartig, einzigartig und absolut ungeahnt! Doch das braucht es nun nicht mehr.

Stattdessen bitten wir Euch, Euer Geld anderen Künstler:innen zukommen zu lassen. Ihr habt sicherlich noch andere Interessen in Musik, darstellender oder bildender Kunst. Auch diese Künstler:innen sind betroffen und vermutlich meist nicht viel besser dran als wir oder sogar schlechter. Denn eins ist wichtig: wir bekommen diese staatlichen Hilfen nur, weil wir eine Firma sind! Bodo alleine hätte keinen Anspruch darauf! Dieses Netz sichert uns und die Arbeitsplätze ab, das freut uns, aber es zeigt uns auch täglich, wie viel mehr Sicherheit wir haben als die meisten Solo-Künstler:innen.

Es gibt einige Organisationen, die für Künstler:innen sammeln und weiterverteilen, und es gibt bei den einschlägigen Crowdfunding-Plattformen reichlich Projekte, die unterstützenswert sind. Falls Ihr also zukünftig noch weiterhin Geld übrig habt, dann setzt es bitte dort ein. Ich gebe Euch am Ende dieses Eintrags ein paar Links an.

Falls Ihr dennoch weiter direkt an Reimkultur und Bodo spenden wollt, dann werden wir das Geld eins zu eins an diejenigen Künstler:innen und freiberuflichen Crewmitglieder weiterleiten, die fest mit uns zusammenarbeiten. Denn auch ohne die könnte Bodo zukünftig nicht mehr auftreten!

Instrumentales Dankeschön

Noch einmal zurück zu Eurer überwältigenden Spendenbereitschaft. Wir haben etwas von dem Geld, dass Ihr so reichlich anlässlich des Streaming-Konzertes mit "Jetzt oder Sinfonie!" gespendet habt, in einen Remix der Stücke investiert.

Das WDR Funkhausorchester hat uns dabei unterstützt und so stehen uns nun von allen Stücken Instrumentalversionen ohne Bodos Gesang zur Verfügung. Mit diesen Stücken werden wir in den kommenden Jahren unsere Videos unterlegen können, und wir werden sie für DVD-Menüs einsetzen können. Als Appetithappen und kleines Geschenk an Euch haben wir sogar eine komplette Auskopplung für Euch am Start und zwar „Lalelilolu“, aus Bodos Programm Noah war ein Archetyp. Ihr könnt Euch diese wunderschöne Fassung als mp3 herunterladen.

Alles nur geliehen

Schließlich will ich eines nicht unerwähnt lassen: Uns ist sehr wohl bewusst, dass das Geld, das wir nun erhalten haben, geliehenes Geld ist. Der Staat hat es sich von irgendwo her geliehen, es wird zurückgezahlt werden müssen, aber vermutlich nicht vollumfänglich von uns, sondern auch von unseren Kindern. Im Grunde leihen wir uns das Geld also von unseren Kindern. Das würde man als Eltern nie tun oder zumindest nicht wollen, und ich stelle in Frage, ob das richtig ist. Eigenartig ist es in jedem Fall.

Und so haben wir uns zumindest vorgenommen, verantwortungsvoll und im Gedenken an diese Tatsache mit dem Geld umzugehen. Natürlich kommt es auch jetzt den Kindern schon indirekt zugute, wenn Eltern dadurch nicht arbeitslos werden bzw. Umsätze erwirtschaften können, denn wir geben das Geld ja an Menschen weiter, die damit ihr Einkommen bestreiten und sorgen dafür, dass dies auch langfristig möglich ist. Wir werden es aber darüber hinaus in eine Art firmeninternen Fonds legen und nur soviel davon ausgeben, wie wirklich benötigt wird, bis wir wieder auf eigenen Füßen stehen können. Sollte dann noch etwas übrig sein, werden wir es entweder direkt wieder zurückgeben oder an nachhaltig zum Wohl unserer Kinder handelnde Einrichtungen und Organisationen weitergeben.

Wir wünschen Euch nun mit leichterem Herzen alles Gute und denkt bitte dran: es wird wieder Konzerte geben, wir haben viele im Angebot, was noch fehlt, seid Ihr!
Sven

 

Hier noch die Links zu Spendenmöglichkeiten:

Die KunstNothilfe ist eine tolle Einrichtung, der wir selbst schon Geld haben zukommen lassen. Sie steht in Kooperation mit der GLS Bank, einer sehr guten, gemeinwohlorientierten Bank, die auch unsere Hausbank ist.

Des Weiteren gibt es die CoronaKünstlerHilfe, die ich auch für sehr unterstützenswert halte, weil sie obendrein wertvolle Öffentlichkeitsarbeit betreibt und auch Unternehmen anspricht, die sich in das Projekt einbringen können.

Der Nothilfefond der Orchesterstiftung ist sicherlich auch ein guter Anlaufpunkt.
Erwähnenswert finde ich vor allem aber noch das Ensemble-Netzwerk, das vor allem für Bühnenkünstler:innen der darstellenden Künste sammelt. Hier startete gerade im Mai die 5. Runde für Bewerbungen um Hilfsmittel.

Und wenn es um kleinere Projekte oder Initiativen geht, dann ist die Crowdfunding-Plattform startnext immer ein guter Anlaufpunkt. Auch für Menschen, die gerne persönlicher unterstützen wollen, mit Kontakt zu den Unterstützten, ist das der richtige Ort. Die Plattform hat eine eigene Rubrik für Corona-bedingte Projekte eingerichtet. Viele gute Unterstützungen für von der Pandemie geplagte Menschen und Unternehmen sind über die Plattform schon gelaufen.

Ein Projekt, das dort gerade läuft, ist ein Funding für ein Zirkusprojekt, das Kinder- und Jugendarbeit in Frankfurt macht. Das ist eine tolle, jahrzehntealte Einrichtung, in der einer unserer treuen Bühnentechniker seinen hauptsächlichen Wirkungsort hat. Gerne können Sie dieses Projekt unterstützen, das auch uns sehr am Herzen liegt.

Oder spendet, wie gesagt, weiterhin an Reimkultur, dann geht das Geld an die uns verbundenen Künstler:innen und freiberuflichen Crewmitglieder.

 
 
10. März 2021

Der Januar war kalt, dunkel und kalt.

Zur aktuellen Lage bei Reimkultur

 

Seit Beginn der Pandemie und des Kultur-Lockdowns - also seit mittlerweile einem Jahr – waren wir auch dank Eurer Unterstützung anfangs recht gut durch die schwierigen Zeiten gekommen. Nun wurden wir im Januar eiskalt von den problematischen Entwicklungen eingeholt.

Sobald klar war, dass die ersten Konzerte ausfallen mussten, habe ich mich natürlich kalkulatorisch mit den Folgen dieses Lockdowns befasst. Zunächst einmal hatten wir noch einige Rücklagen aus den Jahren davor, darum war im Frühjahr 2020 - als die Aussicht "im Sommer geht wieder alles los" galt - erst mal noch alles gut. Wir hätten locker bis in den Herbst 2020 hinein durch die Krise kommen können.

Überbrückungs-Unpässlichkeit

Dann kam der Sommer 2020 und es wurde klar, dass es nur sehr eingeschränkte Open-Air-Veranstaltungen geben würde. Und im Herbst vermutlich auch keine Öffnungs-Optionen, die für uns sinnvoll zu organisieren wären. Plötzlich mussten wir bis zum Frühjahr 2021 durchhalten. Das stellte uns dann schon vor eine Herausforderung, zumal wir leider bei so manchem Hilfsprogramm durchs Raster fielen. Aus der Soforthilfe im Frühjahr 2020 erhielten wir nichts, weil wir eben noch die Rücklagen auf dem Konto hatten. Von der Überbrückungshilfe I für die Monate Juni bis August erhielten wir nur Geld für Juni/Juli 2020. Denn die Ü-Hilfe wird nach Umsatzeinbruch berechnet, und da wir aufgrund der Sommerpause auch sonst im August kaum Umsätze machen, war hier der Rückgang gegenüber dem Vorjahr nicht groß genug, um uns zu qualifizieren. Dass wir den August normalerweise aus Einnahmen der gesamten 6 Monate zuvor finanzieren - und das nun natürlich nicht möglich war - spielte für die Ü-Hilfe keine Rolle.

Weiter vor allem dank Eurer Unterstützung

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir zum ersten Mal von unserer Not erzählt, und die Solidarität, die uns von da an auch in finanzieller Hinsicht erreichte, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir heute hier stehen, wo wir stehen. Denn z. B. auch für die November-/Dezemberhilfe hatten wir uns dann nicht qualifiziert: dafür müsste ein Unternehmen auch bei indirekter Betroffenheit seine Umsätze zu 80% aus den von der Schließung betroffenen Bereichen beziehen. Bei uns machen die Live-Konzerte ca. 70% aus. Das ist ein großer Anteil - wenn der wegfällt, ist das Unternehmen gefährdet. Aber die Regierung sah die Gefährdung erst bei 80%.

Dann wurde uns auch noch von der Überbrückungshilfe II, die für die Monate September bis Dezember gezahlt werden sollte, reichlich abgezogen. Diesmal, weil wir über den Verkauf von Produkten von Marc-Uwe Kling, die wir über unsere Onlineshop-Plattform vertreiben, zu viel Geld verdient hatten, um als hilfsbedürftig anerkannt zu werden. Dass wir den absoluten Großteil dieser Umsätze an den Künstler weitergeben, hatte wieder mal keinen Einfluss auf die Ü-Hilfe-Zahlung. Umsatz ist eben Umsatz.

Umsätze, Hochrechnungen und Ansagen

Das war ein großer Schreck. Denn - wie gesagt - von diesem Umsatz bleibt nur ein Bruchteil bei uns. Wir hatten das gerade verdaut, da kam die Nachricht, dass die Basis für die Berechnung der Überbrückungshilfe II noch einmal geändert würde: es seien nun nicht mehr die Umsätze relevant, sondern die entgangenen Gewinne. (Und ja, die Regularien für die Hilfen werden auch gerne mal angepasst, nachdem man die Anträge schon geschrieben hat.) Wie weise ich die denn nach? Wir hatten uns zum Glück mit dem Hochrechnen von möglichen Gewinnen aus Ticketverkäufen, die man gerade in dieser Zeit kaum abschätzen kann, schon für den einen oder anderen Entschädigungsantrag befasst (wobei natürlich auch diese abgelehnt wurden, weil es im Infektionsschutzgesetz an dieser Stelle eine Regelungslücke gibt und darum die Ämter die Anträge, die aus unserer Branche kommen, alle rundheraus ablehnen können).

Aber diese Hochrechnungs-Option war immerhin eine große Chance! Endlich konnten wir mal darstellen, was eigentlich gewesen wäre, wenn alles glatt gelaufen wäre. Doch diese Ansage, eine Entschädigungs-Schätzung einreichen zu können, wurde wenige Tage später wieder zurückgezogen, weil dann doch aufgefallen war, dass man mit so einer Fragestellung natürlich völlig im Trüben fischen würde und auch die Steuerberater:innen/Wirtschaftsprüfer:innen, die die Anträge einreichen müssten, damit völlig überfordert gewesen wären.

Keine tragfähigen Aussichten

Trotzdem war es auch zu diesem Zeitpunkt noch so, dass wir zuversichtlich bis ins Frühjahr 2021 schauten, denn wir waren sicher, dass dank viel Unterstützung durch Fans, durch gute Verkäufe unserer im letzten Jahr mit viel Fleiß hergestellten Produkte, durch die gute Resonanz auf das Wwweihnachts.bodo-Onlinekonzerte-Konzept und durch zu erwartende Überbrückungshilfen unsere Firma bis in den April durchhalten würde.

Dann traten zu allem Überfluss die Virus-Mutationen auf und die Aussicht auf Öffnungen löste sich in Luft auf. Aus einem Lockdown light wurde ein vollumfänglicher Lockdown, der dann im neuen Jahr auch noch verlängert wurde. Anfang 2021 wurde es dann sehr dunkel und sehr kalt.

Denn was bedeutet es für uns und für alle anderen Kulturschaffenden, die auf Publikum angewiesen sind? Wenn jetzt aktuell im März die Theater noch geschlossen sind, dann werden wir bis zum Sommer keine Situation haben, in der mit normalen Kapazitäten gespielt werden kann. Selbst der gerade von einigen Kulturverbänden vorgestellte Lockerungsplan sieht für Open-Air-Veranstaltungen in diesem Sommer nur 40% Auslastung vor. Das bedeutet, dass wir bis zum Herbst keine Möglichkeit haben werden, schon mal in einer Art Normalbetrieb Auftritte zu veranstalten.

Wir benötigen mindestens 65, besser 75% Auslastung der Veranstaltungsstätten, um ohne Verluste auf Tour zu sein. Im Herbst aber wird bei den Entscheidungsträgern vermutlich wieder die „jetzt wird es Herbst und alle sind mehr drinnen und alle werden krank“-Sorge um sich greifen, so dass auch dann nicht weiter daran gearbeitet werden kann, in einen Normalbetrieb zu kommen. Demnach werden wir dann mit denselben Einschränkungen in den Herbst 2021 geraten, mit denen wir in den Herbst 2020 gegangen waren. Bei größter Zuversicht bleibt uns dann noch zu wünschen, dass das Weihnachtsgeschäft zu retten sein könnte, sollte sich im Herbst 2021 herausstellen, dass sich das Infektionsgeschehen mit Anbruch der Drinnen-Saison überhaupt nicht negativ verändern würde. Aber das klingt für mich im Moment sehr utopisch. Dann wäre es erst im Frühjahr 2022, bis wir wieder regulär auf Tour sein könnten.

Ein weiteres Jahr Durchhalten

Plötzlich - aus heiterem Himmel - wurde also aus einem Durchhalten-Können bis April 2021 ein Durchhalten-Müssen bis April im nächsten Jahr! Mehr oder weniger von einer Woche auf die andere sieht es so aus, dass wir zwölf Monate länger unsere liquiden Mittel vorhalten müssen. Das war ein solcher Schock, dass ich eine Woche gebraucht habe, um mich mit dem Gedanken abzufinden; und einen kompletten Monat, um das für alle unsere Geschäftsbereiche und Projekte durchzudenken und anfangen zu können, die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Einen einzigen Hoffnungsschimmer gibt es jetzt noch: das Finanzministerium arbeitet gerade an einem Plan, der besagt, dass ab Herbst bei Veranstaltungen das Ausfallrisiko durch geringe Kapazitäten oder Absagen staatlicherseits übernommen werden soll. Eventuell werden wir also im Herbst noch zum Selbstkostenpreis auftreten und zumindest die angekündigten Termine durchführen können, auch wenn dann damit niemand wirklich Geld verdienen kann. Das bleibt abzuwarten. Auch müsste eine Überbrückungshilfe IV aufgelegt werden, denn die aktuelle Nr. III ist nur bis Ende Juni vorgesehen. Wir werden aber darüber hinaus noch neun Monate lang im Ausnahmezustand sein.

Förder-Fraglichkeiten

Leider ist es ja so, dass sich die Überbrückungshilfe nur auf Fixkosten bezieht. Dabei geht es also wirklich nur darum, den rudimentären Betrieb aufrechtzuerhalten. Was wir - und andere Unternehmen natürlich auch - aber darüber hinaus normalerweise aus den Einnahmen finanzieren, sind Investitionen: in unserem Fall neue Projekte und Produkte. Dafür braucht es also zusätzlich mehr Mittel.

Zu einem Teil wollen wir dafür das von Euch gespendete Geld einsetzen. Aber wenn wir kein Geld für den Betrieb der Firma haben, können wir auch keine Produkte erstellen, also ist das vielleicht eine Entweder-oder-Frage. Ansonsten bemühen auch wir uns um Fördermittel, wie tausende andere auch, weswegen alle Töpfe derzeit mindestens zu 200-300% über-angefragt sind. Wir haben tolle Ideen, aber gerade, wenn sie obendrein noch ungewöhnlich sind (wie z. B. eine dreiteilige CD-Reihe mit einem Hörspiel unserer Antiken-Theaterstücke), dann scheinen sie auch nicht so richtig in die meist konventionellen Förderprogramme zu passen.

Konzerte aufgehoben, nicht aufgeschoben

Problematisch an dieser Situation ist obendrein, dass es nun wirklich um den Ausfall von Einnahmen geht, nicht mehr nur um deren Verschiebung. Wir hatten es nämlich zunächst geschafft, 69 von 83 Konzerten vom Jahr 2020 ist Jahr 2021 zu verschieben. Bodo wäre über 140 mal aufgetreten! Ein Rekord. Jetzt aber werden nach und nach alle Konzerte aus dem Jahr 2021 ins Jahr 2022 verschoben. Und für dieses Jahr 2022 war noch kein einziges Konzert gebucht. Das heißt: jetzt gehen wirklich Auftritte verloren - ein Verlust, der nicht wieder gutzumachen sein wird.

Ein ganzes Jahr wird nicht neu verbucht werden können. Das sind mindestens 80 Auftritte, aus denen Einnahmen fehlen werden.

Zusätzlich zu den fehlenden Live-Einnahmen wird es auch keine Ausschüttungen von der GEMA geben. Die hatten uns im letzten Jahr noch geholfen: sie werden nämlich immer um ein Jahr versetzt ausgezahlt - letztes Jahr erhielten wir also die Abgaben aus dem Jahr 2019. 2020 aber gab es keine Abgaben, da keine Konzerte stattfanden. Wir blicken also tatsächlich auf ein ganzes Jahr ohne Einkommen!

Nervenzerren in der gesamten Branche

Das heißt, nach bereits einem vollen Jahr ohne reguläre Einnahmen, aber  wenigstens mit dem Ersparten im Hintergrund, folgt ein weiteres Jahr -  nun aber ohne Netz und doppelten Boden. Es ist also jetzt im Grunde schlimmer als vor einem Jahr! Der freie Fall ist vorprogrammiert, für uns wie für viele, viele, tausende andere Menschen in unserem Metier auch.

Diese Situation zerrt an unser aller Nerven und kostet Zuversicht. Bislang sind wir irgendwie kreativ mit dieser Krise umgegangen, haben Ideen entwickelt, die Ärmel hochgekrempelt und sind voller Zuversicht, das irgendwie zu schaffen, losgestiefelt. Aber wenn nach einem ganzen Jahr die Situation nur noch schlimmer ist, wird es schwer, sich zu motivieren.

Trotzdem weiter - aber eingeschränkt

Dennoch stellen wir uns der Herausforderung, aber sie ist groß. Größer als noch zu Beginn der Pandemie. Aktuell schaffen wir es laut meiner Prognose mit der Firma bis in den September. Wir hoffen auf noch ein paar halbwegs lukrative Open-Air-Engagements im Sommer und dann bleibt uns nur noch, dass der Staat die Hilfsprogramme verlängert.

Wir haben nun schon mal die Arbeitsleistung im Büro auf 25% reduziert, um den Förderanteil durch das Kurzarbeitergeld zu erhöhen. D.h. unser gesamtes Team arbeitet nur mit einem Viertel seiner eigentlichen Leistungsfähigkeit. Das bedeutet, dass alle Projekte nur 1/4 so schnell vorankommen wie üblich und wir auch alle Menschen um uns herum inklusive Euch - Begleiter:innen und Fans - weniger umfangreich und langsamer betreuen können als gewohnt und gewünscht. Bitte habt Verständnis dafür ...

Kultur zählt!

... und wünscht uns Glück, bleibt interessiert an Bodo und seiner Kunst und drückt uns die Daumen!

Uns liegt sehr am Herzen, dass immer mehr Menschen – vor allem solche, die politische Entscheidungen treffen – verstehen, dass Kultur wichtig ist, dass sie zählt! Kultur ist Bildung ist ein selbstbestimmtes Leben sind mündige Bürger:innen ist Gemeinwohl!

Danke!
Sven

 
 
10. Dezember 2020

In eigener Sache

 

Bodo und Sven, Geschäftsführer von Reimkultur, sprechen über die derzeitige Situation von Bodos Firma Reimkultur kurz vorm Jahreswechsel.

Blick auf die Situation

BODO: Vorweg, auch wenn ich zu Beginn der Pandemie wie gelähmt war, kann ich mich derzeit über mangelnde Ideen nicht beklagen. Im Gegenteil, ich bin so produktiv wie lange nicht. Was mir jedoch schmerzlich fehlt, ist die Möglichkeit, diese Ideen mit Euch, meinem Publikum, zu teilen – und zwar live am selben Ort, in einem Konzertsaal oder Theater. Immerhin gibt es Streaming-Konzerte, davon habe ich in den letzten Monaten einige gegeben und hatte daran auch viel Freude, und ich hoffe, Ihr auch, aber sie können einen Live-Auftritt einfach nicht ersetzen. Und gerade meine Kunst lebt ja sehr von der Interaktion mit Euch.
Da sind die vielen Konzertverschiebungen einfach sehr traurig. Zum jetzigen Stand – Anfang Dezember – musste mein Booking-Team von allen Auftritten, die bis Ende 2020 geplant waren, 69 verschieben und weitere 14 ersatzlos absagen, also insgesamt 83 Auftritte. Ob die bisher geplanten Ersatztermine stattfinden dürfen, wissen wir nicht. Wir mussten aber inzwischen schon erste Ersatztermine ins Jahr 2022 schieben und weitere Verlegungen sind sehr wahrscheinlich.

#AlarmstufeRot

Und weil wir, die Künstler*innen und mit uns die gesamte Veranstaltungsbranche auf unsere Situation aufmerksam machen müssen, haben wir uns unter anderem beim Aktionsbündnis #AlarmstufeRot engagiert, denn ich denke, Live-Kultur ist im besten Fall eben nicht bloß Unterhaltung sondern Teil des demokratischen Diskurses und eine Selbstvergewisserung dessen, was uns als Menschen ausmacht und wie wir leben wollen. Was geschieht, wenn sie fehlt, brachte Herbert Grönemeyer in seiner Rede auf der ersten #AlarmstufeRot-Demo sehr treffend auf den Punkt:


"Ein Land ohne Live-Kultur ist wie ein Gehirn ohne geistige Nahrung, ohne Euphorie, Aufbruch, Lust, Diskurs, Lachen und Tanz. Es verdorrt, gibt Raum für Verblödung, für krude und verrohende Theorien, verhärtet und fällt seelenlos auseinander."


SVEN: Für uns war es sehr wichtig auf der Demonstration in Berlin im Oktober zu spüren, dass wir Teil eines großen Ganzen sind, dass wir mit unserem Problem nicht alleine dastehen. Die deutsche Kultur- und Kreativbranche ist extrem breit gefächert und sehr divers, und das ist an sich großartig. Dadurch fällt es ihr aber auch schwer, sich so zu formieren und aufzustellen, dass sie mit einer Stimme spricht, die all die Millionen darin Beschäftigten repräsentiert und deutlich machen kann, dass es hier um entsprechend viele Arbeitsplätze geht. Zusammengenommen ist die Kulturbranche der mit Abstand größte Arbeitgeber in Deutschland und überflügelt damit mit Leichtigkeit solche Zweige wie die Luftfahrt- oder Autoindustrie. Letztere braucht aber nur 3 Leute zur Kanzlerin zu schicken und schon ist sie komplett vertreten – eine gute Verhandlungsbasis.

Reimkultur – künstlerische Selbstbestimmtheit

SVEN: Viele von Euch wissen es sicherlich, aber ich fasse es hier noch einmal zusammen: Reimkultur ist die Basis für alle künstlerischen Aktivitäten von Bodo. Von dort aus wird von 12 Festangestellten und mit Hilfe von mehreren Freischaffenden alles geplant, koordiniert und durchgeführt, was nötig ist, um Bodo sicht- und hörbar werden zu lassen, seine Kunst öffentlich zu machen. Das reicht von der Produktion der CDs, Videos und Bücher über Lizenzierungen bis zum Vertrieb online und beim Konzert, vom Verbuchen der Auftritte und die Planung der Tour bis zum Ticketverkauf und schließt auch PR und Marketing mit ein. Es ist eine 360°-Betreuung, denn auch in künstlerischer Hinsicht kann Bodo sich jederzeit Rat und Unterstützung von seinen Mitarbeitenden holen.
Wenn also wie im letzten Jahr die Theaterstücke König Ödipus und Antigone im Hamburger Thalia Theater über die Bühne gehen, dann ist das alles bis ins kleinste Detail im Hause Reimkultur entstanden. Inklusive der DVD, die dabei gefilmt wurde.
BODO: Für mich ist es sehr wichtig, dass unser ganzes Tun im Zeichen größtmöglicher künstlerischen Selbstbestimmtheit steht.

Staatliche Fonds und Programme – Neustart Kultur

SVEN: Durch das Programm "Neustart Kultur" wurden viele Programme aufgestockt, die es ohnehin für künstlerische Produktionen in Deutschland gibt, z.B. die Initiative Musik oder der Fond darstellende Künste. Bei letzterem haben wir uns für die Produktion von Bodos erstem Musical beworben, das zusammen mit der Fine Arts Big Band in Berlin entstehen soll und unter die Corona-Räder zu geraten drohte. Erst im Januar werden wir eine Antwort erhalten.
Das Problem ist, dass das alles keine strukturellen Förderungen sind, sie erhalten nicht die Künstler*innen selbst am Leben, sondern man muss eine Umsetzungsidee haben, die dann gefördert wird, und das teilweise mit sehr langen Vorlaufzeiten. Bis das Geld ankommt, vergeht viel Zeit. Und wenn man es mal verhältnismäßig anschaut: in der Kreativ- und Kulturwirtschaft arbeiten mehr Menschen in diverseren Unternehmen als in der dividendenträchtigen Autoindustrie mit ihrer hocheffizienten Struktur. Und der stehen insgesamt bereits  5 Milliarden zur Verfügung, um über die Runden zu kommen. Die Kultur war schon vor der Krise kaputtgespart und viele Menschen in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen, da ist es doch offensichtlich, dass ein Fünftel des Geldes kaum reichen wird.

Novemberhilfe & Überbrückungshilfe

SVEN: Wir werden keine Novemberhilfe erhalten, weil wir uns als sog. "Mischbetrieb" nicht dafür qualifizieren. D.h. unsere Diversifizierung, das 360°-Konzept, das ich beschrieb, wird hier zum Verhängnis. Wir müssten mit den Live-Auftritten mindestens 80% erwirtschaften. Das tun wir aber nicht, wir sind knapp darunter. Knapp darunter ist auch immer noch sehr viel für den Fall, dass es komplett wegbricht, wie jetzt. Das Aktionsbündnis #AlarmstufeRot hat bereits lautstark darauf hingewiesen, dass die Hürde zu hoch liegt.
Wir haben Geld aus der Überbrückungshilfe 1 im Sommer erhalten und rechnen uns darum einige Chancen bei der Überbrückungshilfe 2 aus. Damals gingen wir allerdings für den August leer aus. Denn im August waren unsere Einnahmen nicht um den notwendigen Prozentsatz gesunken. Kein Wunder, im August ist üblicherweise Sommerpause, wir haben auch 2019 kaum Geld in dieser Zeit verdient. Dass wir das dann normalerweise mit Einnahmen aus den gesamten 11 Monaten zuvor abfedern konnten, spielte beim Antrag keine Rolle.
Die Tücke steckt also immer im Detail. Z.B. dass es um Einnahmen statt Gewinne bei der Berechnung der Rückgänge geht. Wir verkaufen über unseren Online-Versandhandel auch die Produkte von Marc-Uwe Kling. Der hat im Oktober ein neues Buch veröffentlicht, das durch die Decke ging. Dass wir den allergrößten Teil dieser Einnahmen an ihn bzw. die von ihm finanzierten Projekte ausschütten und spenden, spielt für den Antrag keine Rolle. Insofern ist schon jetzt wieder fraglich, ob wir Hilfe für den Oktober bekommen. Oder Dezember, Stichwort Weihnachtsgeschäft.
Und nicht zu vergessen: es geht überhaupt nur um Zuschüsse zu Fixkosten! Wir können davon also z.B. die Miete für das Büro bezahlen und zusammen mit dem Kurzarbeitergeld ist das eine gute Sache. Aber wir müssten eben eigentlich in neue Produktionen und Produkte investieren, und dafür braucht es andere Mittel. Man hört und liest leider sehr oft, dass die Künstler*innen doch mal kreativ mit der Krise umgehen und neue Formate erfinden sollten. Gerne, aber von welchem Geld sollen sie das bezahlen?
Wir bei Reimkultur und Bodo sind in der glücklichen Lage, dass Ihr, Bodos Fans, uns Geld spendet, und zwar in solchem Umfang, dass wir davon wirklich etwas bewegen können. Aber Bodo hat eben auch in Euch eine sehr breite, sehr geneigte Gemeinschaft, die dazu bereit ist. Das haben nicht viele Künstler*innen!
BODO: Ein großer Glücksfall, ja! Wir haben entschieden, mit Euren Spendengeldern künstlerische Projekte zu realisieren, darüber haben wir ja schon am 30. November im Reimkultur-Blog berichtet. So kann ich Euch neue Inhalte präsentieren und gleichzeitig auch unsere freischaffenden Mitarbeitenden in Lohn und Brot bringen.

2021 Kurzarbeit und Ticketverkauf

SVEN: Offiziell wurde ja kürzlich die Überbrückungshilfe 3 für das Frühjahr 2021 angekündigt. Die wird auch bei uns dringend nötig sein, denn aktuell geht kaum jemand in der Branche davon aus, dass man bis zum Sommer 2021 regulär wird spielen können.
Wenn wir wirklich bis Sommer 2021, in dem dann vermutlich wieder Open-Air-Angebote möglich sein werden, vielleicht auch wieder für reguläre Gagen, durchhalten müssen, dann wird das mehr als ein Jahr ohne Einnahmen gewesen sein. Mit Glück können wir diesen Zeitraum überbrücken und die Arbeitsplätze alle erhalten, aber dann muss es wieder losgehen, sonst ist Reimkultur Geschichte.
Wir haben unsere Mitarbeitenden im Schnitt in 50% Kurzarbeit, allerdings jetzt über Weihnachten auch wieder hochgestuft. Es gibt einfach trotzdem viel zu tun, denn Bodo muss weiter im öffentlichen Bewusstsein bleiben. Er kann nicht einfach nicht auftauchen. Irgendwann wird es ja wieder losgehen und im besten Fall kann man vorher schon ein paar Karten verkaufen. Im Moment steht das alles still und das ist ein Teil der Katastrophe. Selbst wenn es morgen wieder losgehen könnte, würden Konzerte ausfallen müssen, weil seit März kaum noch jemand Karten für zukünftige Veranstaltungen kauft. Und schon jetzt gibt es unter den Veranstaltenden einen Run auf die Räume und Hallen im Jahr 2022, weil dann alle davon ausgehen, wieder zu spielen. Wenn wir nicht jetzt dort mitbieten und einen Plan schmieden, dann werden wir keine Auftrittsmöglichkeiten im Jahr 2022 haben. Die Frage, die sich aber allen stellt: Was oder wo spielen wir denn da? Denn wir wissen ja nicht einmal, wo wir 2021 gespielt haben werden, ob wir also in eine Stadt dann zum zweiten Mal fahren würden oder die x-te Verlegung dorthin durchführen. Das gesamte System der Künstlervermarktung ist außer Kontrolle geraten, und das wird langfristig noch viele Menschen ihre Arbeit kosten.

Geld ist ein soziales Gestaltungsmittel

BODO: Wenn ich jetzt zurückschaue, Mensch, Mensch, Mensch. Im März hofften wir alle, es würde im Sommer wieder losgehen. Im Sommer hofften wir auf den Winter. Und jetzt im Winter begraben wir die Hoffnung auf das nächste Frühjahr. Ich war froh um jeden Auftritt, der möglich war. Vor kleinem Publikum aufzutreten macht mir genau so viel Spaß wie vor großem. Und ich habe ja auch mal klein angefangen. Doch damals bestand Reimkultur auch nur aus mir und Sven und nicht dem ganzen heutigen Apparat. Einen Auftritt von mir zu veranstalten und damit in die schwarzen Zahlen zu kommen, war damals also viel einfacher und unaufwändiger.
SVEN: Aber es konnten eben auch keine Arbeitsplätze dadurch geschaffen werden so wie jetzt. Sie zu erhalten ist unser oberstes Ziel; Wirtschaft ist dazu da, Menschen einen Lebensunterhalt zu ermöglichen und Geld ein soziales Gestaltungsmittel, das ist unser Motto.
Mini-Auftritte sind keine Lösung und bislang eigentlich immer Geschenke der Veranstaltenden und Künstler an die Fans. Ich möchte Euch das einmal vorrechnen: Ein Auftritt vor einem Drittel des möglichen Publikums lässt sich einfach nicht wirtschaftlich abbilden, da sind die Kosten insgesamt viel höher als die möglichen Einnahmen. Damit niemand der Beteiligten Geld drauflegt, brauchte es vor Corona in der Regel eine Auslastung von 65-80%, so waren die Kalkulationen - es braucht einfach wirklich viel, um eine Veranstaltung durchzuführen, das bleibt alles unsichtbar, kostet aber Geld. Da ist also selbst mit 2/3 der möglichen Plätze nichts erreicht.

Neue Ideen

SVEN: Wir generieren 80% unserer Einnahmen über das Live-Geschäft. Und verkaufen unsere Bild- und Tonträger an Euch auch vorwiegend bei Live-Auftritten. Selbst wenn die Spendenbereitschaft bei Streaming-Konzerten punktuell hoch sein mag, ist damit das klaffende Loch leider nicht zu stopfen.
Wir denken nun in Richtung von Hörspielen und Buchprojekten. Auch vor dem Hintergrund von Bodos 25-jährigem Bühnenjubiläum im kommenden Jahr haben wir viele Ideen, deren Finanzierung nun offen ist. Gerade konnten wir das 3er-CD-Set mit den Aufnahmen der ersten Konzerte im Stadtpark veröffentlichen, da haben wir auf Archivmaterial zurückgegriffen.
BODO: Ich hatte für den Winter geplant, Privatkonzerte zu geben. Das Angebot stand nur kurz auf meiner Homepage zur Verfügung, wie Ihr vielleicht wisst, bis uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Jetzt versuchen wir es noch mal mit einem Online-Weihnachtsfeiern-Angebot und nach den Streaming-Konzerten und neu produzierten Videos sind weitere Dinge in der Planung, wie etwa ein Reboot meines Liebesliedgenerators im nächsten Jahr. Bleibt gespannt und uns gewogen!

 
 
30. November 2020

Eure Spenden - unsere Projekte - gemeinsame Freude

 

Eure Spenden - unsere Projekte - gemeinsame Freude

Seitdem wir Euch im August davon erzählt haben, wie weitreichend die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf den Betrieb von Reimkultur, unsere Einnahmesituation und das Auskommen unserer Mitarbeitenden und der vielen Freischaffenden, die für uns arbeiten, sind, haben wir eine enorm große Solidarität erfahren. Wir hatten Euch dazu eine Videobotschaft geschickt und geschrieben, nun wollen wir Euch davon berichten, wie wir die vielen Spenden einsetzen werden.

Einen guten Teil wollen wir für die Entwicklung und Umsetzung neuer Ideen einsetzen. Es gibt so einiges, was uns eingefallen ist, wie wir die Zeit ohne Auftritte überbrücken können, wozu es aber natürlich Geld braucht. Vieles davon werdet Ihr erst im neuen Jahr sehen können, doch einiges kommt auch jetzt schon heraus. Geholfen hat uns das Geld auch auf den letzten Metern der Produktion des CD-Sets "Abschied im Park". Es war das erste "Corona-Projekt", denn wir konnten es parallel zur Wandelmut-CD quasi komplett in Heimarbeit vervollständigen und nun mithilfe Eurer Spenden auch die Pressung in Auftrag geben. Sie halfen uns bei dieser Investition, denn langfristig soll sich das Produkt natürlich selbst refinanzieren, dann werden die Spenden auch wieder frei.

Als nächstes stehen einige Projekte im Zusammenhang mit dem kommenden Jubiläumsjahr von Bodo an, und auch die CD mit dem WDR Funkhausorchester, von der wir kürzlich berichteten, könnten wir ohne Eure Hilfe nicht zum Abschluss bringen. Denn noch immer fehlt ein Großteil der Einnahmen, und so müssten Investitionen eigentlich ausfallen. Aber zum Glück haben wir ja Euch!

Den größeren Teil Eurer Spenden geben wir als Direktzahlungen an unsere Mitarbeitenden und freien Selbständigen weiter. Vor allem letztere können natürlich jeden Euro gut gebrauchen, denn wie Ihr aus der Presse sicher wisst, ist denen bislang keine Unterstützung seitens der Regierung zuteil geworden. Erst mit den Novemberhilfen soll es endlich einen sog. fiktiven Unternehmerlohn geben, durch den z.B. unsere Techniker besser durch die Krise werden kommen können.

Doch selbst die Festangestellten merken die Kurzarbeit natürlich deutlich auf ihren Konten und so sind auch sie glücklich und dankbar über Eure Spendenbereitschaft. Zumal viele von Euch, die Kommentare zu ihren Spenden geschrieben haben, ausdrücklich Reimkultur, das Team, die Menschen hinter Bodo gemeint haben; das kommt an und erfüllt uns alle bei Reimkultur mit Freude und dem Gefühl, als Team getragen zu werden!

So wird aus der Freude für uns hoffentlich langfristig auch wieder eine Freude für Euch, indem Ihr schöne Dinge von Bodo sehen und hören werdet und - sobald es wieder geht - er selbst wieder mit und durch sein Team auf den Bühnen der Republik stehen wird! Danke, dass Ihr dabei seid, jetzt und später!

Herzlich
Sven und Bodo

 

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